Kein Mönch hat den Champagner erfunden. Die Geschichte des Champagners beginnt mit einem Fehler im kühlsten Weinbaugebiet Frankreichs: Der Wein der Champagne gärte im Winter nicht zu Ende, die Hefe erwachte im Frühjahr und füllte die Flasche mit Bläschen. Erst Glas, Zucker und die großen Champagnerhäuser zwischen Reims und Épernay machten aus diesem Makel eine Weltmarke.
Drei Jahrhunderte in drei Sätzen. Im 17. Jahrhundert galt das Prickeln als Weinfehler, den Winzer wie Dom Pérignon eher bekämpften als suchten. Im 19. Jahrhundert machten Rüttelpult, Zuckermessung und Händler, darunter viele Deutsche, aus dem Schaumwein ein Exportgut. Das 20. Jahrhundert brachte Reblaus, Krieg und Aufstände, am Ende aber den strengsten Herkunftsschutz der Weinwelt.
Woher kommt der Champagner wirklich?
Der Ursprung des Champagners liegt in einem Klima, das für Rotwein eigentlich zu kühl ist. Im Mittelalter war der „vin de Champagne“ ein blasser, stiller Wein, oft rötlich, der mit dem Burgunder um die Gunst des französischen Hofes konkurrierte. Weil die Kälte im Herbst die Hefen lahmlegte, blieb Restzucker im Wein. Kam im Frühjahr die Wärme, setzte die Gärung wieder ein, und in geschlossenen Gefäßen entstand Kohlensäure.
Für die Winzer der Region war das lange ein Ärgernis. Flaschen platzten in den Kellern, oft in Kettenreaktion, und der Name „vin du diable“, Teufelswein, ist aus dieser Zeit überliefert. Schäumende Weine galten als minderwertig. Die Ursprünge des Champagners sind also keine Erfindung, sondern die langsame Umdeutung eines Problems.
Bemerkenswert: Die ersten Belege für bewusst schäumend gemachten Wein stammen aus England. Der Naturforscher Christopher Merret beschrieb 1662 vor der Royal Society, wie Weinhändler Zucker in fertige Weine gaben, um sie lebendig und perlend zu machen. Englisches Glas, in Kohleöfen gebrannt, war zudem dicker und hielt dem Druck besser stand als französisches. Ein großer Teil der frühen Champagner-Herkunft spielt deshalb in Londoner Weinkellern, nicht in der Champagne selbst.
Dom Pérignon und die Legende vom Erfinder
Pierre Pérignon (1638 bis 1715) war Benediktinermönch und Kellermeister im Kloster Saint-Pierre in Hautvillers, oberhalb des Marne-Tals. Bläschen im Wein galten dort als Zeichen schlechter Qualität. Die Frage „Wer erfand Champagner?“ wird bis heute gern mit seinem Namen beantwortet, doch das hält der Überprüfung nicht stand. Dom Perignon wollte vor allem einen besseren Stillwein. Seine eigentlichen Verdienste liegen woanders:
- Die Cuvée: Er verschnitt Trauben aus verschiedenen Lagen, um einen ausgewogeneren Wein zu erhalten, ein Prinzip, das jede heutige Herstellung von Champagner prägt.
- Weißer Most aus roten Trauben: Durch schnelles, schonendes Pressen gewann er hellen Saft aus Pinot Noir, die Grundlage dessen, was heute als Blanc de Noirs bekannt ist.
- Lagenkenntnis: Er soll Trauben nach Geschmack einzelnen Parzellen zugeordnet haben, ein früher Gedanke von Terroir.
Der berühmte Ausspruch „Ich trinke Sterne“ wird ihm zugeschrieben, ist aber erst im 19. Jahrhundert belegt, als das Haus Moët die Figur des Mönchs für seine Werbung entdeckte. 1921 sicherte sich Moët die Rechte am Namen, 1936 kam die erste Prestige-Cuvée „Dom Pérignon“ auf den Markt. Der Mythos vom Erfinder ist damit selbst ein Stück Markengeschichte.
Wie das Prickeln zum Geschäft wurde
Eine wichtige Rolle spielte ein königlicher Erlass vom 25. Mai 1728: Er erlaubte erstmals, Wein der Champagne in Flaschen statt in Fässern zu transportieren. Erst damit konnte ein Schaumwein überhaupt verkauft werden, denn im Fass entweicht die Kohlensäure. Ein Jahr später, 1729, gründete Nicolas Ruinart in Reims das älteste noch bestehende Champagnerhaus. 1743 folgte Claude Moët in Épernay, 1772 Philippe Clicquot.
In der Zeit des Rokoko wurde Champagner am Hof von Versailles Mode, gefördert von Madame de Pompadour, und von dort an den Höfen Europas. Doch die Ausbeute blieb riskant: Noch Anfang des 19. Jahrhunderts gingen in manchen Kellern 20 bis 30 Prozent der Flaschen durch Überdruck verloren. Wie viel Zucker eine Flasche verträgt, wusste niemand genau.
Das änderte der Apotheker Jean-Baptiste François aus Châlons-en-Champagne, der 1836 eine Methode veröffentlichte, den Zuckergehalt des Weins vor der zweiten Gärung zu messen. Die Champagner Methode, wie sie heute als Flaschengärung bekannt ist, wurde dadurch berechenbar. Wer wissen will, wie die einzelnen Schritte heute ablaufen, findet die Champagner-Herstellung von der Pressung bis zum Degorgieren auf einer eigenen Seite.
Die Witwe Clicquot und das Rüttelpult
Barbe-Nicole Clicquot, geborene Ponsardin, übernahm 1805 mit 27 Jahren das Haus ihres verstorbenen Mannes, zu einer Zeit, in der Frauen kaum Geschäfte führen durften. Ihr Name ist bis heute auf jedem Etikett von Veuve Clicquot zu lesen, denn „veuve“ heißt Witwe. Drei Neuerungen werden ihrem Haus zugeschrieben:
- 1810 der erste Jahrgangschampagner, also ein Wein aus einem einzigen Erntejahr;
- um 1816 das Rüttelpult, entwickelt mit ihrem Kellermeister Antoine Müller, einem gebürtigen Elsässer: ein Holzgestell mit schrägen Löchern, in dem die Flaschen täglich gedreht und steiler gestellt werden, bis der Hefesatz im Hals liegt;
- 1818 der erste Rosé durch Verschnitt von Weiß- und Rotwein.
Das Rüttelpult machte klaren Champagner möglich, wo vorher trübe Flaschen mit abgesetzter Hefe die Regel waren, und gab dem Vertrieb in ganz Europa den entscheidenden Aufschwung. Das Verfahren blieb lange ein Betriebsgeheimnis. Die Witwe lieferte 1814, nach dem Ende der Napoleonischen Kriege, als eine der ersten Händlerinnen Wein nach Russland, ein Coup, der ihr Haus für Jahrzehnte reich machte.
Deutsche Gründer in der Champagne
Ein Kapitel, das in vielen Darstellungen fehlt: Ein erstaunlicher Teil der großen Häuser wurde von Deutschen gegründet oder aufgebaut. Junge Kaufleute aus dem Rheinland, aus Württemberg und Westfalen gingen im 18. und 19. Jahrhundert nach Reims, sprachen die Sprache ihrer wichtigsten Kunden in Nordeuropa und brachten Handelsnetze mit.
| Haus | Gründung | Herkunft des Gründers |
|---|---|---|
| Heidsieck | 1785 | Florens-Louis Heidsieck, aus Westfalen |
| Mumm | 1827 | Familie Mumm, Weinhändler aus dem Rheingau |
| Bollinger | 1829 | Joseph Bollinger, aus Württemberg |
| Deutz | 1838 | William Deutz und Pierre-Hubert Geldermann, aus Aachen |
| Krug | 1843 | Johann-Joseph Krug, aus Mainz |
Auch der Weg zurück führte über die Champagne. Georg Christian Kessler arbeitete als Prokurist bei der Witwe Clicquot, bevor er 1826 in Esslingen die erste deutsche Sektkellerei gründete. Was in Reims gelernt wurde, prägte so auch die Geschichte des deutschen Schaumweins.
Champagner im 19. Jahrhundert: vom Dessertwein zum Brut
Der Champagner des 19. Jahrhunderts war süß, oft mit über 100 Gramm Zucker pro Liter, und wurde zum Dessert getrunken, in Russland teils noch süßer. Die Wende kam über den britischen Markt, der trockenere Weine verlangte. Perrier-Jouët lieferte 1846 eine ungesüßte Partie nach London, Louise Pommery brachte 1874 einen trockenen Champagner heraus, der als Wegbereiter des Brut gilt. Heute reicht die Skala von Brut Nature über Extra Brut und Brut bis Demi-Sec; was diese Stufen bedeuten, erklärt die Seite zur Dosage und ihrem Einfluss auf den Stil.
Zugleich wurde Champagner zum Symbol eines Lebensstils. Die Belle Époque um 1900 verband ihn mit Varieté, Plakatkunst und Schiffstaufen, die Häuser warben mit Illustratoren wie Alfons Mucha. Ende des 19. Jahrhunderts überschritt der Absatz die Marke von 20 Millionen Flaschen pro Jahr. Dann traf die Reblaus die Region: Ab 1890 vernichtete sie Weinberg um Weinberg, bis auf amerikanische Unterlagen veredelte Reben die Bestände retteten.
Aufstand, Krieg und Markenschutz im 20. Jahrhundert
Die Entwicklung des Champagners verlief im 20. Jahrhundert alles andere als glatt. 1911 eskalierte ein Streit um die Bezeichnung, also darüber, wer „Champagne“ auf das Etikett schreiben darf: Winzer der Marne plünderten Kellereien in Aÿ, weil Händler Trauben von außerhalb zukauften, und die Winzer der Aube protestierten, weil man sie ausschließen wollte. Erst das Gesetz von 1927 legte die Zone fest, 1936 folgte die geschützte Herkunftsbezeichnung (AOC).
Zweimal lag die Region an der Front. Im Ersten Weltkrieg wurde Reims über Jahre beschossen; die Lese 1914 fand unter Granatfeuer statt, Kinder und Frauen ernteten, während die kilometerlangen Kreidekeller als Schutzräume, Schulen und Lazarette dienten. Im Zweiten Weltkrieg verwaltete ein deutscher „Weinführer“, Otto Klaebisch, die Lieferungen an die Besatzer; 1941 entstand als Antwort der Branchenverband, aus dem das heutige Comité Champagne hervorging.
Für Deutschland hatte der Krieg eine Folge, die bis heute im Supermarkt sichtbar ist. Artikel 275 des Versailler Vertrags von 1919 verpflichtete das Reich, französische Herkunftsbezeichnungen zu achten. Seitdem heißt deutscher Schaumwein Sekt, und der Name Champagner ist einem Wein aus der Champagne vorbehalten, hergestellt nach den dortigen Regeln.
Champagner heute: Weltmarke und Winzerbewegung
Erlaubt sind sieben Rebsorten für Champagner, wobei Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier fast die gesamte Fläche einnehmen; Pinot Blanc, Pinot Gris, Petit Meslier und Arbane sind Raritäten. Mehr zu ihren Eigenschaften steht im Überblick über die Rebsorten der Champagne und ihren Beitrag zur Cuvée. Laut Comité Champagne wurden 2023 knapp 300 Millionen Flaschen ausgeliefert, 2024 rund 271 Millionen.
Die großen Marken gehören heute oft zu Konzernen: Moët & Chandon, Ruinart und Veuve Clicquot zum Luxuskonzern LVMH (Moët Hennessy Louis Vuitton), der 1987 entstand. Champagner als Luxusgetränk lebt von seinem Image, von Prestige-Abfüllungen wie Cristal von Louis Roederer, das 1876 für den russischen Zaren abgefüllt wurde, und Marken wie Armand de Brignac, aber auch von der Klassifikation der Lagen in Grand Cru und Premier Cru. Ein Gegengewicht bilden Winzer, die ihre eigenen Trauben selbst ausbauen, statt sie an die Häuser zu verkaufen; ihr Anteil am Markt ist klein, ihr Einfluss auf das Bild der Region wächst.
2015 nahm die UNESCO die Hänge, Häuser und Keller der Champagne in die Liste des Welterbes auf. Damit ist nicht ein Getränk geschützt, sondern die Landschaft, in der seine historische Bedeutung sichtbar wird: Kreidekeller aus römischer Zeit, die Avenue de Champagne in Épernay und die Hügel um Hautvillers.
Daten, die die Champagner-Geschichte geprägt haben
- 1662: Christopher Merret beschreibt in London das Versetzen von Wein mit Zucker.
- 1668 bis 1715: Dom Pérignon ist Kellermeister in Hautvillers.
- 1728: Der Transport von Wein der Champagne in Flaschen wird erlaubt.
- 1729: Gründung von Ruinart, ältestes bestehendes Haus.
- 1816: Rüttelpult bei Veuve Clicquot.
- 1836: Zuckermessung nach François.
- 1874: Pommery bringt einen trockenen Champagner auf den Markt.
- 1911: Winzeraufstand in der Champagne.
- 1936: Geschützte Herkunftsbezeichnung.
- 2015: UNESCO-Welterbe.
Offene Fragen zur Herkunft des Schaumweins
Hat Dom Pérignon den Champagner erfunden?
Nein. Pierre Pérignon verbesserte Pressung und Verschnitt, wollte aber einen stillen Wein ohne Bläschen. Schäumender Wein wurde schon vor ihm beschrieben, unter anderem 1662 in England.
Was war das älteste Champagnerhaus?
Ruinart, 1729 von Nicolas Ruinart in Reims gegründet, gilt als ältestes noch bestehendes Champagnerhaus.
Warum darf deutscher Schaumwein nicht Champagner heißen?
Der Versailler Vertrag von 1919 verpflichtete Deutschland, französische Herkunftsbezeichnungen zu achten. Seitdem heißt deutscher Schaumwein Sekt, der Name Champagner bleibt Weinen aus der Champagne vorbehalten.
Wer nach der Geschichte die Spitze der heutigen Produktion kennenlernen will, findet sie bei der Prestige Cuvée, dem Aushängeschild jedes großen Hauses.

















